Seit einigen Monaten verbringe ich viel Zeit bei 

meiner Mutter. Anfangs Sommer erzählt(e) sie von ihren Erinnerungswelten, ich habe sie traurig, ängstlich, panisch, wütend, zärtlich und nachdenklich gesehen, wie sie sprachlos irgendwelchen Gestalten an der Zimmerdecke folgte, wie sie aufstehen wollte, wie sie ängstlich unsichtbare Personen nach dem Weg fragte, wie sie mich anschnauzte, ich solle ihr doch sagen, was sie jetzt zu tun habe. Manchmal sprach sie pausenlos, redete mich mit Du an, sagte meinen Namen, manchmal war sie per Sie und sprach hochdeutsch, wie sie es mit den freundlichsten der Pflegerinnen machte. Ich sass dabei und glaubte, dabei zuzusehen, wie meine Mutter in eine Welt entschwindet, von der ich gerade kleinste Fetzen spürte, von der wir aber nicht wissen, was sie ist.

Und jetzt, fünf Monate später, ist der Körper noch da und wird stimuliert (alle 15 Minuten die Dekubitus-Matratze in Bewegung) und gefüttert, Mobilisation ist wichtig sagt die brachialste Pflegerin und lässt sie im Sitzen schmoren, wo ihr doch der Rücken schon nach fünf Minuten weh tut und sie zusammensinkt.

Wieso funktioniert der Körper weiter, nachdem man sich von dieser Welt verabschiedet hat und nicht mehr sprechen mag, die so sehr geliebten Blumen nicht mehr anschaut, nur noch episodisch und ganz kurz auftaucht und die Umgebung wahrnimmt. Mund öffnen, schlucken, verdauen, ausscheiden - das kann meine Mutter noch, es scheinen mir blosse Reflexe zu sein, Mimik und Gestik sind verschwunden, ganz selten nickt sie oder spricht einzelne Worte. Seit einem Jahr kann sie nicht mehr selbstständig aufstehen oder auch nur aufsitzen. Sie kann nur noch Kopf und Arme bewegen, weil nur diese Muskeln noch stark genug sind. 

Solange sie also noch da ist, bin ich ein- bis zweimal die Woche für zwei bis drei Stunden da. Zwischendurch werde ich verscheucht «wir müssen sie jetzt pflegen» oder ich flüchte selber, wenn ich kann nicht mehr mitansehen kann, wie meiner Mutter befohlen wird zu essen und diese, dankbar, dass ihr jemand sagt, wo es lang geht, den Mund öffnet.

Ich halte ihre Hand oder auch nicht, je nachdem, was sie mir mit Mikro-Reaktionen zeigt und ich daraus interpretiere. Bis vor wenigen Wochen hat sie mir noch zugenickt und sich bedankt, jetzt streckt sie kaum mehr die Hand nach mir aus, sagt kein Wort mehr und ich bin doch sicher, dass ihr mein Dabeisein gut tut. Etwas vom Letzten, was sie gesagt hat, war "guuut" (als Antwort auf meine Frage in einem offenbar präsenten Moment, wie es ihr gehe). Ich sitze da, summe oder plaudere, stelle ihr Musik ein oder löse ein Puzzle auf dem Computer. Sie reagiert kaum mehr, und als sie mir beim letzten Mal, als ich mich verabschiedet hatte und ihr vom Fussende des Bettes zuwinkte, den Kopf zudrehte und in meine Richtung schaute, war ich überrascht. 

Es gab im Sommer Personen, die eine Wette eingehen wollten, dass meine Mutter noch den 100. Geburtstag erlebe (bis dahin würde es noch 14 Monate dauern). Ich konnte das nicht glauben, ich hatte in den Wochen davor einen so intensiven und starken emotionalen Prozess mit ihr durchlebt, angefangen mit Panik- und Angstzuständen über die Heimkehr zu ihren Eltern an ihren Geburtsort, über eine fast unendliche Reihe von Personen in ihrem Leben die weggegangen sind, über ihre Beziehung zu Eltern und Geschwistern, dass mir schien, sie habe schon lange Abschied genommen. Sie aber sagten: "Die ist doch so dement, die hat doch keine Psyche und keine Emotionen mehr." Und "Ich glaube dir nicht, dass sie dies oder jenes gefragt oder erbeten oder gesagt hat, das macht sie bei mir nie."  Spinne ich? Was bilde ich mir ein? Und ich höre innerlich meine Mutter «Kleine, du spinnst.»

Jetzt also liegt sie immer noch da, sehr friedlich, in einem schon fast gelösten Zustand, unterbrochen durch mehr oder weniger betonte Aufforderungen des Pflegepersonals zum ESSEN und TRINKEN und die Stimulation durch die Matratze. 

Kann der Körper dauer-stimuliert und mobilisiert und mit vollem Magen sterben?

 

 

Comments

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Ruth Meyer
3 months ago
Zwei Monate nach Verfassen dieses Textes ist meine Mutter gestorben. Bis fünf Stunden vor ihrem Tod hat sie mir noch gezeigt, wie sehr sie mein Dabeisein und meine zärtlichen Berührungen schätzt.

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