Du liegst in meinen Armen und schläfst
durchscheinend und bläulich schimmert deine Haut.

Du lächelst im Schlaf.
Die Ärzte sagen, du lebst noch ein paar Wochen.
Noch bist du da und willst trinken.
Du schreist, bis die Milch bereit ist, und schläfst dann vor Erschöpfung vor dem Trinken ein.

Wenn ich dich anschaue, ist der Tod nicht da.
Wenn ich mit dir spiele, bin ich glücklich.
Du lehrst mich, jeden Tag als Glück zu geniessen.
Du lehrst mich, dass einzig der Moment wichtig ist.

 

Zwei Monate sind um, du bist wieder nicht gestorben.
Ich frage mich, wie lange noch.

Du lehrst mich, mich nicht auf die Meinung anderer zu verlassen.
Du lehrst mich, nicht in die Zukunft zu sorgen.

 

Zwei Jahre sind vergangen, du bist immer noch nicht gestorben.
Du trotzt und schreist, bis du blau bist. Soll ich Dir nachgeben?

Du lehrst mich, Risiken einzugehen.
Du lehrst mich, zu tun, was ich für richtig halte.

 

Schon acht, und immer noch dünn und weisshäutig.
Wenn er wächst, wird sein Herz nicht mehr mitkommen.

Du lehrst mich das Warten auf Dich, weil du so langsam bist.
Du lehrst mich Geduld und Nachsicht, wenn du schlägst und mit Worten quälst.

 

Mit fünfzehn weisst du es selbst.
Du sagst, mein Verfalldatum ist in einem halben Jahr.

Du lehrst mich Heiterkeit und Gelassenheit im Anblick des Todes.
Du lehrst mich jeden Tag so zu nehmen, als wäre er der letzte.

 

Mit siebzehn will ich dich vor der Operation noch einmal lebendig sehen.
Riesig gross sind Deine Füsse. Du liegst so ruhig da, narkotisiert.

Du lehrst mich trotzdem weiter zu atmen und wach zu bleiben.
Du lehrst mich neugierig zu sein auf den Tod.

 

Was immer jetzt auch kommen mag – ich habe von dir leben gelernt.

 

Geschrieben 2012: Liebeserklärung an meinen herzkranken Sohn