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Sein Lehrer Ende Primarschule sah kaum eine Zukunft für Yven. Seine schulischen Leistungen im Keller, sein Verhalten auffällig. Vier Jahre später - wo steht Yven? Konnte er sich stabilisieren?

Yven ist 17. Seine Eltern leben getrennt, er lebt bei seiner Mutter. So oft er die Energie aufbringt, fährt er zu seinem Vater quer durch die Schweiz. Der lebt da in einem kleinen Haus mit der zweiten Frau und Yvens Halbgeschwistern. Seine grosse Schwester ist zu ihrem Freund gezogen.

Yven macht eine Attestlehre als Schreiner. In der Schule hat es ihm zu nichts gereicht, er war immer zu faul zum lernen. Sagten die Erwachsenen. Yven hat oft die Schule geschwänzt oder war krank. Irgendeine Verletzung, eine Infektion, irgendetwas fand sich immer. Das Mitleid seiner Mutter war gross und sie hat ihn dann sofort von der Schule, aus dem Fussballclub, vom Besuch beim Vater abgemeldet. Aber bei den Aufgaben für die Schule hat sie ihm nie geholfen. Und für seine Gedanken und Träume hat sie sich auch nie interessiert, seine Ängste konnte er ihr nie offenbaren.

Der Lehrmeister und Berufsbildner ist nett. Er traut Yven viel zu und lobt ihn. Aber Yven schreckt vor jeder Herausforderung zurück. Er weiss ja schon lange, dass er nicht rechnen kann, nicht gut lesen kann und ohnehin zu nichts taugt. Aber gestern, da hat er doch tatsächlich ein richtig gutes Arbeitsstück hergestellt. Er ist so stolz darauf, hat mit dem Handy ein Foto gemacht und seinem Vater geschickt. Der hat ihm sofort geantwortet und sich mit ihm gefreut.

Als er heim kam, hätte er gerne mit seiner Mutter seinen Erfolg geteilt. Aber die war wieder mal nicht zuhause. Manchmal fragt sich Yven, weshalb seine Mutter sich so gewehrt hatte, als er für die Ausbildung gerne zu seinem Vater gezogen wäre. So langsam dämmert ihm, dass seine Mutter ihn braucht und schon immer gebraucht hat dafür, dass es ihr selber gut geht.

Zum Glück gibt es Gian. Yven atmet auf. Er hat Gian vor vier Jahren zufällig im Quartier kennengelernt. Gian ist erwachsen, aber nicht so, wie die andern Erwachsenen. Er hörte Yven zu, interessierte sich für seine Ideen und nach und nach konnte ihm Yven erzählen, wie einsam und alleine er sich fühlte. Dass er zerrissen war zwischen Mutter und Vater, mit einer grossen Schwester die sich nur noch für ihren neuen Freund interessierte.

Gian fragte ihn: Weshalb rauchst du? Fühlst du dich wohl mit den Jugns, die kiffen und prügeln und so cool tun? Mit Gian konnte er reden, ja sogar manchmal weinen. Und Gian ging mit ihm mit, wenn er Fussball spielte, wenn er stundenlang im Wald hockte und die Bäume anschaute. Er diskutiert mit ihm bis heute die Filme, die er auf youtube schaut, er will wissen, welche Games er spielt. Und nie verurteilt ihn Gian – er hört nur zu und stellt Fragen. Yven blickt zu ihm auf, auch wenn er ihm inzwischen über den Kopf gewachsen ist. Ja, Gian würde sich mit ihm über sein Arbeitsstück freuen. Er holt sein Handy hervor und schreibt an Gian.

Gian verdankt er auch seine Lehrstelle. Gian hatte ihn sogar für etwas Rechnen und Lesen begeistern können, so dass Yven die Schule ordentlich abschloss. Bloss schwänzen, das konnte er nicht mehr – Gian sah ihn dann immer auf eine so liebevolle Art an und sagte ihm, er hätte doch besseres zu tun als zu Hause rumzuhocken, das nahm ihm irgendwie die Lust am Schuleschwänzen. Aber Gian hatte ihm auch gesagt, dass er die Lehre auch von seinem Vater aus machen könnte. Das fand Yven nicht so gut, schliesslich brauchte sein Mami ihn.

Yven nimmt ein Blatt Papier und zeichnet. In der Mitte sich selbst, gross und stark. Neben sich Gian. Mami – wie wichtig ist sie eigentlich? Wichtig, aber wenig unterstützend. Und Papi? Unterstützend aber weit weg. Seine grosse Schwester? Unterstützend aber nicht mehr da. Freunde? Hat er keine mehr, seit er sich beim Kiffen und bei den Prügeleien nicht mehr hervortut. Aber da ist doch dieser Junge in der Berufsfachschule, mit dem er jedesmal viel Spass hat und der ihm gerne hilft bei den schwierigen Hausaufgaben. Und das Mädchen da, das ihn immer so anstrahlt. Trotzdem fehlt jemand auf dem Bild … wer ist denn da noch?

Plötzlich sieht er sie vor sich, wie immer lachend und freundlich – natürlich, seine Tante. Wie konnte er sie vergessen? Sie war, so lange er sich erinnern konnte, immer für ihn da. Sie kochte ihm sein Lieblingsessen, sie hörte ihm zu, sie zeigte ihm wichtige Dinge und hob seine Schätze für ihn auf. Wenn immer möglich durfte er mit ihren Kindern in die Ferien fahren, sogar jetzt noch findet sie Zeit, um ihn einzuladen und mit ihm Spass zu haben. Natürlich – und ihr zuliebe würde er sich jetzt wirklich zusammenreissen und allen zeigen, dass ein guter Schreiner in ihm steckte. Er faltet das Blatt zusammen und versteckt es. Dann macht er sich hinter seine Schulaufgaben, ist doch gar nicht so schwierig.

 

Die Resilienz-Forschung zeigt uns, dass auch schwierige Kindheiten gut enden können, wenn ein Kind eine erwachsene Person hat, der es vertraut und die immer zu ihm hält. Das kann ein Familienmitglied, jemand aus der Nachbarschaft oder eine Lehrperson sein, so wie für Yven sein erwachsener Freund Gian und seine Tante. Für welches Kind in Ihrem Umfeld sind Sie die Resilienz-Quelle?